Zum Femizid in Werther am 9. August 2026
Ein weiterer Tod – ein weiterer Femizid – im Kreis Gütersloh.
Femizid bezeichnet die vorsätzliche Tötung von Frauen* auf Grund ihres Geschlechts. Den fast zu 92% männlichen Tätern (Femizidmap.org, 2023) erscheint es gerechtfertigt, Frauen* zu töten, wenn diese gegen patriarchale gesellschaftliche Rollenvorstellungen verstoßen (Russell, 1976) – zum Beispiel, weil sie sich trennen möchten oder getrennt haben.
Patriarchale Gewalt ist ein Problem, das längst nicht überwunden ist. Betroffen davon sind nicht nur Mädchen* und Frauen* mit und ohne Beeinträchtigung sowie Menschen aus der LSBTIQ+-Community. Nein, patriarchale Gewalt trifft nicht zuletzt auch Jungen* und Männer*, die aufgrund vorgelebter toxischer Männerrollen und Männlichkeitsvorstellungen fälschlicherweise glauben oder glauben gemacht werden, dass Gewalt – sowohl gegen andere als auch gegen sich selbst – unvermeidbar sei, um als männlich zu gelten, und eine, wenn nicht die einzige, Lösungsstrategie für eigene Probleme und Unsicherheiten darstelle.
Der Begriff Feminizid (Lagarde 2005) weist darauf hin, dass der Staat auf Grund unzureichenden Schutzes der Frau* eine Mitverantwortung für deren Tod trägt.
Das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt (Istanbul-Konvention) wurde im Oktober 2017 in Deutschland ratifiziert und trat am 1. Februar 2018 in Kraft.
Laut der Istanbul-Konvention hat der Staat
– eine „Sorgfaltspflicht zur Verhütung, Untersuchung, Bestrafung und Entschädigung von Gewalttaten“ (Art. 5)
– eine „Verpflichtung, soziale Verhaltensmuster zu ändern, die auf der Vorstellung der Unterlegenheit der Frau beruhen (Art. 12) – oft die ideologische Wurzel von Femiziden
– eine Verpflichtung zu Schutz und Unterstützung – vor (weiterer, ggf. tödlicher) Gewalt (Art.18-28). Nach den Vorgaben der Konvention bräuchte Deutschland rund 21.500 Frauenhausplätze für Frauen* und ihre Kinder – verfügbar sind. Laut der bundesweiten Frauenhausstatistik 2025 gibt es aktuell nur etwa 7.700. Es fehlen also rund 12.000 Frauenhausplätze!
Auch gesellschaftlich muss noch viel passieren:
Noch immer gilt es als (zu) selbstverständlich, dass Frauen* Care-Arbeit zusätzlich zum Job übernehmen. Noch immer werden Berufe, die weiblich dominiert sind, systematisch schlechter bezahlt. Dies trifft vor allem Alleinerziehende. Frauen, die sich trennen wollen, riskieren weiterhin ökonomischen Abstieg, Nachtrennungsgewalt, Stalking und institutionelle Gewalt. In den Medien wird der Mord an Frauen* noch immer viel zu oft als „Familientragödie“, „Beziehungsdrama“ oder „Eifersuchtstat“ verharmlost. Ein Euphemismus, der ein strukturelles Problem individualisiert und dessen politische Dringlichkeit für Gegenmaßnahmen verschleiert.
Wir, die Frauenberatungsstelle Gütersloh, setzen uns seit 35 Jahren für den Schutz vor patriarchaler Gewalt ein. Es braucht jedoch mehr finanzielle Mittel, unbefristete Stellen, proaktive Beratung, mutige politische Entscheidungen und gesetzliche Maßnahmen, die nicht weiter hinnehmen, dass fast täglich eine Frau ihr Leben lassen muss, weil sie eine Frau ist. Es gilt, den Schutz von Frauen* und Mädchen* endlich in den Vordergrund zu rücken, zu sichern und weiter zu stärken!
*Das Sternchen markiert, dass wir mit den Begriffen „Frau“ und „Mädchen“ alle Geschlechter- und Lebensentwürfe meinen.

































































































































































































































